(C) Gloria Kern – GloK

Ein farbenfroher Fleckenteppich überzieht das karge Land
Das Weinviertel mag, auf den ersten Blick, reizlos erscheinen; ein karges Land, dem das gewisse Etwas fehlt. Doch dahinter steckt mehr.
Beschauliche Dörfer, lauschige Kellergassen, ausgedehnte landwirtschaftliche Flächen, Kleinstädte als regionale Mikrozentren; das Weinviertel vermittelt ein Gefühl zeitvergessener Bodenständigkeit, Weite und Raum.
Ein riesiger Fleckenteppich aus Feldern, Wiesen und Äckern, der mit den Jahreszeiten seine Farben wechselt; aus dem Kirchtürme ragen, um die sich Dörfer schmiegen, über den sich Straßen und Feldwege schlängeln, über die im Herbst die Bauern mit ihren Traktoren und Feldmaschinen tuckern, auf denen sie den staubigen Schmutz ihrer Feldarbeit verlieren der wie geheime Spuren die Fahrbahn säumt und von den Autofahrern Geduld einfordern bis sie die behäbigen Gefährte endlich überholen können.
Wandel mit den Jahreszeiten
Soweit das Auge reicht: Äcker in deren fruchtbaren Böden Kürbisse, Rüben und Kartoffeln gedeihen; neben leuchtend gelben Rapsblütenwiesen bevor die krautigen Früchte Reife erlangen. Grasgrüne Maisfelder, deren kräftige Halme meterhoch wachsen bevor ihre körnigen Kolben goldgelb aus den dickblättrigen Hüllen brechen. Flure mit Sonnenblumen, die im Hochsommer aufblühen. Getreidestängel die sich elastisch im Wind bewegen und deren haarige Ähren stetig in die Höhe streben bis gewaltige Mähdrescher sie gnadenlos niedermetzeln, um ihre nahrhaften Körner zu ernten.
In den lehmig-lössigen Böden der hügeligen Urgesteinsterrassen klettern Weinstöcke in endlosen Reihen empor bis ihre fruchtigen Trauben in mühsamer Handarbeit abgezwickt werden.
Futuristische Windräder und altindustrielle Bohrtürme
Kaum Wälder, die in der trockenen Sommerhitze Schatten spenden oder fließende Gewässer, die für Abkühlung sorgen. Dafür Windräder, die den Horizont säumen und in der dunklen Nacht, im Takt, unbekannte Signale in den Himmel zu den Sternen blinken. Stählerne Bohrtürme, die unwirsch in Höhe ragen und den eintönigen Weiten einen unerwartet altindustriellen Charakter verleihen.
Weinviertel bedeutender Motor der österreichischen Wirtschaft
Das Weinviertel ist das größte geographische Viertel Niederösterreichs, mit einer Gesamtfläche von rund 4.480 Quadratkilometern.
Kornkammer und Gemüsegarten
Das Weinviertel ist die produktivste Agrarregion Österreichs und leistet somit einen überproportionalen Beitrag zur Versorgungssicherheit. 60% der Gesamtfläche des Weinviertels werden intensiv landwirtschaftlich genutzt.
Das Weinviertel ist die „Kornkammer“ Österreichs. Typische Getreideanbausorten sind Gerste, Weizen, Roggen, Hafer, Mais sowie Raps, Sonnenblumen, Kürbisse, Rüben und Kartoffeln. In Biobetrieben werden Urgetreidesorten wie Dinkel, Einkorn, Emmer, Khorsan-Weizen (Kamut) und Grünkern angebaut. Im Hanfthal in der Nähe von Laa an der Thaya wird Hanf angebaut.
Obst: Das Weinviertel ist vor der Wachau das größte Marillen Anbaugebiet Österreichs.
Das Marchfeld ist die größte Ebene und der sogenannte „Gemüsegarten“ Österreichs. Das bekannteste Gemüse ist der Marchfelder Spargel. Des Weiteren werden Zwiebeln, Karotten, Spinat, Erbsen, Bohnen, Kraut und über 60 weitere Gemüsesorten angebaut.
Weinviertel – der Name ist Programm
Im Weinviertel befindet sich das größte zusammenhängende Weinanbaugebiet Österreichs, mit 13.000 Hektar Rebfläche. Etwa die Hälfte davon, 6.800 Hektar, sind Anbaugebiet des Grünen Veltliners.
In ganz Österreich wird auf rund 14.200 Hektar die Rebe des Grüner Veltliners angebaut. Jeder zweite Grüner Veltliner aus Österreich kommt aus dem Weinviertel.
Zurecht trägt der Grüne Veltliner den Titel „Nationalrebsorte“. Er hat seinen Ursprung in österreichischer Erde, vermutlich im Gebiet des heutigen Niederösterreich, die ihm ideale Bedingungen bietet. Sein „frisch-fruchtig, würziges Pfefferl“ macht ihn zu einem beliebten Alltagswein und zum inoffiziellen National-„Glaserl“ der Österreicher.
Weitere Weißwein-Rebsorten aus dem Weinviertel: Welschriesling, Riesling, Müller-Thurgau, Muskateller und viele mehr.
Rotwein-Rebsorten aus dem Weinviertel: Zweigelt, Blauer Portugieser, Blauburgunger, Merlot und viele mehr.
„Little Texas“ in Austria
10% des Erdölbedarfs Österreichs werden im Weinviertel gefördert sowie ein beträchtlicher Teil des Gasbedarfs. Rund 440 Windräder, das sind 60% aller Windräder in Niederösterreich, befinden sich im Weinviertel und produzieren mehr Energie als in der Region verbraucht wird.
Habsburger Herrschaft beginnt und endet im Marchfeld
Auf den unscheinbaren Äckern zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen gewann Rudolf von Habsburg (1218 – 1291) am 26. August 1278, mit einem taktischen Täuschungsmanöver, nach tagelangen Kämpfen, endgültig die Schlacht gegen seinen Widersacher Ottokar II. Premysl von Böhmen (1230 – 1278), der dabei starb. Rudolf legte damit den Grundstein für die 640 Jahre dauernde Regentschaft seines Geschlechts über das Heilige (ab 1157 bis 1806) Römische Reich (962 – 1806) deutscher Nationen (ab 1486 bis 1806) und das Kaisertum Österreich (1804 – 1918) in einem Wechselspiel zwischen Gebietseroberungen und Verlusten, in dem Reich in dem – zumindest im 16. Jahrhundert, unter Kaiser Karl V. (1500 – 1558) – „die Sonne nie unterging“.
Keine 50 km weiter, in der Nähe der heutigen slowakischen Grenze, zwischen Wien und Preßburg (ab 1919 Bratislava), endete, am 23. März 1919, die Herrschaft der Habsburger über Österreich, endgültig; mit der Abreise des letzten Kaisers von Österreich Karl I. (1887 – 1922), seiner Gattin Kaiserin Zita (1892 – 1989), deren fünf bis dahin geborene von insgesamt acht Kindern, seiner Mutter Maria Josefa (1867 – 1944), geborene Prinzessin von Sachsen, und treuen Begleitern, vom Bahnhof Kopfstetten-Eckartsau, ins Exil in die Schweiz.
Flucht auf Schloss Eckhartsau im Marchfeld
Unter Druck unterzeichnete Kaiser Karl I. am 11. November 1918 im Schloss Schönbrunn die Verzichtserklärung in der er „auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften“ verzichtete. Anschließend flüchtete die kaiserliche Familie auf Schloss Eckhartsau im Marchfeld, das sich in Privatbesitz der Familie befand.
Schloss Eckhartsau heute
Das im 12. Jahrhundert erstmals erbaute Jagdschloss ist heute im Besitz der Österreichischen Bundesforste und kann von April bis Oktober täglich im Rahmen einer Führung besichtigt werden. Es befindet sich zwischen Wien und Bratislava direkt am Donauradweg inmitten des Nationalpark Donau-Auen. Schloss Eckhartsau gehört mit Schloss Hof, Schloss Niederweiden, Schloss Marchegg und Schloss Orth an der Donau zur Kultur-Kooperation „Marchfelder Schlösserreich“
Habsburgergesetz – Enteignung und Landesverweisung
Vor dem Grenzübertritt in die Schweiz widerrief Kaiser Karl I., im sogenannten „Feldkircher Manifest“, die Verzichtserklärung, um den Herrschaftsanspruch für sich und seine Nachkommen wiederherzustellen.
Daraufhin trat am 3. April 1919 das Habsburgergesetz in Kraft, das im Parlament, der am 12. November 1918 gegründeten demokratischen Republik Deutschösterreich, beschlossen wurde. Es verfügte die dauerhafte Landesverweisung aller Mitglieder des regierenden Hauses Habsburg die nicht auf ihre Thronansprüche verzichteten und überführte das Privatvermögen des Kaisers (Fonds der Allerhöchsten Privat- und Familienkasse) und die Fideikommissgüter (unveräußerlicher Familienbesitz) in Staatsbesitz. Nachweisbares Familienvermögen war davon nicht betroffen.
Franz I. Stephan von Lothringen – Gründer des Familienvorsorgefonds
Kern des Vermögens war der von Maria Theresia (1717 – 1780) und ihrem Gatten Franz I. Stephan (1708 – 1765) von Lothringen gegründeten Familienvorsorgefonds. Franz I. Stephan erwirtschaftete durch äußerst erfolgreiche Geschäfte und geschickte Investitionen ein beträchtliches Vermögen für die Familie.
Dauerhafte Rückkehr nach Österreich ausgeschlossen
Kaiser Karl I. betrat nie wieder Österreichischen Boden. Er starb mit 36 Jahren auf Madeira in Portugal im Exil an der Spanischen Grippe, einer schweren Lungenentzündung.
Kaiserin Zita, geborene Prinzessin von Bourbon-Parma
Kaiserin Zita betrat erst 1982, 63 Jahre später, mit 90 Jahren, zum ersten Mal wieder österreichischen Boden. Der damalige SPÖ Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky fand eine Gesetzeslücke um ihr diese kurze Rückkehr zu ermöglichen.
Kaiserin Zita wurde 97 Jahre alt. Sie wurde am 1. April 1989 in der Kapuzinergruft beigesetzt. Zum fünften und bisher zum letzten Mal kam der 1876/77 gebaute – und inzwischen unter Denkmalschutz stehende – achtspännige „prunkvolle schwarze Leichenwagen der Habsburger“ mit dem 1916 der Sarg Kaiser Franz Josephs und 1898 der Sarg Kaiserin Elisabeths in die Kapuzinergruft überführt worden waren und den acht schwarze Rappen zogen, zum Einsatz. Aus Sicherheitsgründen und aufgrund der veränderten Verkehrsbedingungen in der Innenstadt wurde der Leichenwagen mit Kaiserin Zitas Sarg nur sechsspännig geführt. Zehntausende Menschen nahmen in der Wiener Innenstadt Anteil an der feierlichen Beisetzung der letzten Kaiserin von Österreich-Ungarn.
Der „prunkvolle schwarze Leichenwagen“ kann besichtigt werden
Der „prunkvolle schwarze Leichenwagen“ kann neben vielen anderen über die Jahrhunderte angesammelten Kutschen und Gefährten der Habsburger in der Wagenburg im Schloss Schönbrunn besichtigt werden.
Nie wieder regierendes Amt
Trotz verschiedener strategischer und diplomatischer Versuche Kaiser Karls I., Kaiserin Zitas und später ihres ältesten Sohnes und letzten Kronprinzen von Österreich-Ungarn (1916–1918), Otto (1912–2011), hat kein Mitglied des Hauses Habsburg je wieder ein regierendes Amt ausgeübt.
Dr. Otto von Habsburg-Lothringen
Otto von Habsburg war unter anderem als Abgeordneter für die CDU im Europäischen Parlament tätig. Er setzte sich ab 1930, im Rahmen der Paneuropäischen Union, für die Einigung Europas ein, und er war Mitinitiator und Schirmherr des „Paneuropäischen Picknicks“ am 19. August 1989 bei dem die symbolische Öffnung der Österreichisch Ungarischen Grenze und Durchtrennung des Grenzzaunes bei St. Margarethen im Burgenland Anstoß zum Fall des „Eisernen Vorhanges“ (1989/90) gab.
Otto von Habsburg-Lothringen wurde 98 Jahre alt. Er wurde am 16. Juli 2011 in der Kapuzinergruft beigesetzt. Der „prunkvolle schwarze Leichenwagen der Habsburger“ kam nicht mehr zum Einsatz. Auf Wunsch der Familie zogen Tiroler Schützen den Sargwagen zur Kapuzinergruft, um die Verbundenheit des Erzhauses mit dem Land Tirol zu demonstrieren und die Tiroler Schützen für ihre Treue zu ehren, begleitet von zahlreichen Traditionsverbänden aus den ehemaligen Kronländern. Zehntausende Menschen nahmen in der Wiener Innenstadt Anteil an der feierlichen Beisetzung des ältesten Enkels Kaiser Franz Josephs, letzten Kronprinzen von Österreich-Ungarn und verdienten Europapolitikers.
(C) Gloria Kern – GloK