Jagdzeit – Eine Favoriten Geschichte

(C) Gloria Kern – GloK

Tropenhitze hing über dem Trost Viertel an diesem späten Nachmittag, Ende August. In den Gassen trieb die Schwüle den Schweiß aus den Poren und machte das Atmen schwer, zwischen aufgeheiztem Asphalt und aneinander gedrängten Häuserblocks.

Breitbeinig, wie ein mächtiger Bär schob er sich, langsam und widerwillig die Straße herunter, als wollte er nie ankommen. Um seinen runden Leib wehte – wie ein dichter, dunkler Nadelwald – ein jagdgrünes Hemd aus zu dicker Wolle für diesen heißen Sommertag. Er streckte ihr die Hand entgegen, grüßte kurz, ohne zu lächeln, seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammengepresst. Gerötet von der Hitze und glänzend vom Schweiß, schaute er teilnahmslos auf sie herab.

„Da oben steht auch so ein komisches Haus.“ Angewidert fletschten seine Mundwinkel nach unten, dann rasteten seine Gesichtszüge in Ausdruckslosigkeit zurück. In wildem Dialekt feuerte sie aufgeregt Worte wie Pfeile um sich. Er stand ruhig vor ihr und sagte nichts. Kein Pfeil schien ihn zur treffen. Seine Gleichgültigkeit provozierte sie. Sein Schweigen ließ sie noch mehr auf ihn einreden.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen wo ich wohne.“ Sie drehte sich um und marschierte los. Er folgte ihr. Er kannte die Häuser und ihre Bewohner, die sie passierten. Sie erzählte von Vorkommnissen. Er nickte wissend und zuckte gleichgültig mit den Schultern. Blitzartig, wie die Klinge eines Fallbeiles mit einem Ratsch in die Lünette zischt, zog er sich in sich selbst zurück, wie eine Schnecke in ihre schützende, enge Schale, als hätte der bloße Anblick der Häuser und der Gedanke an ihre Bewohner, die Verbindung zwischen ihm und der Außenwelt gekappt; angewidert von einer Welt in der er arbeitete, mit der er aber nichts zu tun haben wollte. Zurück blieb unerreichbar, eine zynische Schale aus Distanz und Unnahbarkeit.


Von den schäbigen Schaufenstern des Asia Studios staunten kindliche Asiatinnen mit weit aufgerissenen Augen und Kussmündern, wie verschreckte Häschen; in knappen Bikinis, mit verschiedenen Mottos darauf gedruckt, als wäre jede ihr eigener Themenpark, um die unterschiedlichen Geschmäcker der Kunden zu bedienen. Sie hatte die abgebildeten Mädchen nie gesehen. Sie kannte die Betreiberinnen vom Sehen. Zwei kleine, mollige Asiatinnen mit runden Waden die, die Großmütter der Mädchen hätten sein können. Es waren ruhige, unauffällige Nachbarinnen, die auf Abstand blieben.

Beide Studios lagen ebenerdig nebeneinander, jedes mit einem eigenen Eingang von der Straße, in der Mitte ein gemeinsames Schaufenster, das sie nach außen verband. Hinter den Eingängen verbargen sich winzige Räume, ausstaffiert in pickigem scharlachrot, das sich aufdringlich in das Auge drängte und das scharfe räumliche Vorstellungsvermögen in ein aufgeweicht fransiges, triefend rotes Höhlen-Erlebnis auflöste das, trotz penibler Sauberkeit der Betreiberinnen, nie so richtig sauber aussah.

Im Sommer hingen sie am Nachmittag einen Wäscheständer voll frisch gewaschener Handtücher im angrenzenden Hof zum Trocknen auf, die sich, von einem satten Blutrot in ein fleckiges Korallen-Pink abgenutzt hatten; und den sie an den Füssen, mit Ziegelsteinen beschwerten, damit der Wind ihn nicht umstößt. Manchmal fuhren sie, immer lächelnd aber nie grüßend, mit einem Einkaufs-Trolley an ihr vorbei, so vollbepackt mit Windeln, dass die oberste Packung heraus zu poppen drohte sich aber jedes Mal hielt.

Eine dritte, ältere Asiatin stieß manchmal dazu. Sie war schmal gebaut, schlank, hatte hohe Wangenknochen und exotische Katzenaugen. Mit erhobenem Kopf rauchte sie Zigaretten im Hof und stieß dabei den inhalierten Rauch lasziv in den Himmel. Ihr krauses Haar, das sie lose am Hinterkopf aufgesteckt mit einer Spange bändigte, fiel beim Blick nach oben unkontrolliert nach hinten. Wenn sie, beim nächsten Atemzug ihren Kopf geraderichtete, nestelte sie mit ihrer linken Hand an dem Spange-Haar-Geflecht, das sich mit einer Hand nicht fixieren lies. Dieses Ritual wiederholte sie mehrmals während einer Zigarettenlänge. Dabei trug sie einen leichten Hausmantel im Leopardenprint und elastische Import-Badeschlapfen aus Kautschuk. Nie blitzte hervor was sie unter dem animalisch anmutenden Nachtgewand trug, auch wenn sie beide Hände laufend geschäftig beschäftigt hielt.

Eine marode Mauer von der, der Putz bröckelte und Ziegeln hervorschauten, trennte ihre Innenhöfe; durchsetzt mit Reihen hoher Milchglasbausteine, von denen einer zerbrochen war. Durch diese schroffe Öffnung fand eine Tauben-Familie Einlass und nahm Quartier im schmalen Hohlraum hinter den Milchglasbausteinen, wo sie, seit Tauben-Generationen, lebten, liebten, nisteten und ihren Nachwuchs groß zogen, bis sie, zwischen parkenden Autos und Mülltonnen, oft nach tagelangem Elend, verendeten.

Jeden Morgen flogen die Tauben zur Fütterung in den Park wo die Krähen auf den Ästen schon lauerten. Bei jedem Wetter radelte die pensionierte Sozialarbeiterin, wie nach einer Stechuhr, daher und streute den hungrigen Tauben eine lange Körner-Straße auf den Rasen. So pickten sie ihre Tagesration bis sie satt waren ohne, dass die Starken die Schwachen verdrängten. Dann platzierte ihnen die beherzte Frau abgeschnittene Yoghurtschälchen mit frischem Wasser um die Futterstelle im Gras. Die übrig gebliebenen Körner verzehrten die Krähen, die sich gleich von den Ästen stürzten. Den Rest verputzten die Amseln und die Spatzen. Sobald die Luft rein war, lugten die Feldhamster vorsichtig aus den Löchern ihrer unterirdischen Bauten. Eilig huschten sie, indem sie ihre pelzigen Körper biegsam in die Länge streckten, als würden sie über den Boden fliegen, über den Rasen, durch das Gras, über das Laub hinweg zu den Futterresten, um hastig zu nagen und sich die Backen voll zu schlagen. Da das Füttern von Tauben in Wien nicht grundsätzlich verboten, aber wie alles ausgefeilten Regeln unterworfen war, musste es für die Körner- und Samenfresser artgerecht sein. Deshalb bestellte ihre Nährerin große Säcke taubengerechtes Spezialfutter im Internet. Wenn sie krank war, radelte ihr junger afghanischer Freund, der nach seiner Flucht Unterschlupf bei ihr gefunden hatte, verlässlich in den Park und verpflegte die Tauben nach ihren Anweisungen.

Wie in einem Dampfkochtopf hockten und schwitzten die Hackler bei brütender Hitze und sperrangelweit offenen Fenstern in ihren abgewohnten Zimmern oder saßen in den Fenstern ohne Schutz zwischen sich und dem Abgrund. Wie ein ausgedienter Adventkalender nach Weihnachten, bald achtlos entsorgt werden wird, präsentierte sich der Anblick gegenüber. Waagrechte Vierer-Reihen, acht Mal senkrecht übereinander, mit aufgerissenen Pappendeckeltürchen durch die man auf leere, benutzte Plastikförmchen schaute, auf denen vage verwaschene Figuren im Hintergrund zu erkennen waren. Der Karton halbherzig auf- und eingerissen, das Naschwerk angekratzt, nicht ganz heraus gepult; wackelig im Förmchen, lose haltend, bei unbedachtem Stoß, ein Absturz vorprogrammiert. In ihren temporären Quartieren, in ihren angeklecksten Plastikförmchen-Kosmos redeten und grölten sie; schrien, lachten, lallten, spielten Musik und sangen, klatschten laut, tanzten, schwiegen und fingen von vorne an. Der Klang ihrer Stimmen und Nebengeräusche die sie machten, in wechselnden Frequenzen, die Intensität der Musik, prallte ungefiltert gegen das Mauerwerk der verbundenen Häuser im Innhof-Viereck und auf den Beton in den Höfen der, wie ein Verstärker den dröhnenden Hall und das dumpfe Beben der Bässe, durch geschlossene Fenster und isolierte Mauern, in die Wohnungen derer trug, die ihre Ruhe brauchten.

(C) Gloria Kern – GloK

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